12. Oktober 2008 von JWD (123 Posts)44 mal gelesen
John Lennon hätte in diesen Tagen seinen 68. Geburtstag gefeiert. 28 Jahre nach den Todesschüssen vor dem Dakota-Apartmentgebäude in New Yorks Upper West Side . Seine Witwe macht ihrem Ruf, ein streitbarer Geist zu sein, erneut alle Ehre. Filmaufnahmen von einem kiffenden John Lennon beschäftigen derzeit die Justiz in den USA. Die Bilder zeigten Lennon, wie er Marihuana raucht und dabei unter anderem Songs wie “Remember” und “Mind Games” komponierte. Außerdem äußert der charismatische Sänger in den Aufnahmen die Idee, LSD in den Tee des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon zu schütten. Und dann noch die gemeinsame Bettsession im Hotel Chelsea in New York – dort in Manhattan, wo auch schon Allen Ginsberg in der Lobby seine Hefte verhökerte, wo Madonna für schweinische Fotos posierte, Leonard Cohen sein schönstes Lied ansiedelte und der Ultrapunk Sid Vicious mutmaßlich seine Freundin erstach, dort kommt der Beatnik-Katastrophengeschmack noch richtig durch. Wir lieben die Beatles John Lennons Witwe Yoko Ono und dass das Cover ihres legendären Albums “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band”. Alles irgendwie mit der Avantgardistin und Friedensaktivistin Yoko Ono assoziiert.
Darauf musste man damals gefasst sein. Zum Beispiel so: Man wacht morgens auf, ohne Kopfweh, ohne fremde Personen im Bett, ohne frische Tätowierungen. Der Fernseher ist intakt, die Minibar voll. Keine Lippenstiftnachrichten auf dem Badezimmerspiegel. Am Ende liegt das nicht mal daran, dass man sich selbst nicht rock ‘n’ rollig genug benommen hat. Die Zeiten haben sich halt geändert, und was die Eagles noch 1977 über das ominöse “Hotel California” sangen – “You can check out any time you like, but you can never leave” -, stimmt längst nicht mehr: Wer auscheckt, kann gehen. Keine schicksalhaften Verstrickungen mehr.
Hier in Europa ist wenig aus der Hippie-Zeit übrig geblieben. Der Gedenkstein für Hendrix und seinen letzten Gig auf Fehmarn vielleicht. Oder ein paar verblichene Fotos im “Pudding Shop” in Istanbul, einst Treffpunkt für Blumenkinder auf dem Weg nach Indien oder Afghanistan. An zwei „Wish Trees“ haben Bielefelder Schulklassen auf weißen Kärtchen ihre Wünsche aufgehängt. Und dann ist da noch das Plakat mit den Worten „Imagine Peace“. Stell dir vor, es wäre Frieden! Beide vor der Oetker Kunsthalle: Dort lud die 75-Jährige Passanten dazu ein, ihre Wünsche auf kleine Zettel zu schreiben und in den Kirschbaum zu hängen. Den ersten Wunsch äußerte sie selbst: “Lasst uns unseren Planeten mit Liebe bedecken und zu einer friedlichen Welt für uns und unsere Nachfahren machen.” Vor der Kunsthalle steht dann noch ein Leichenwagen, 38 Jahre alt, mit dem man sich – sitzend – durch die Stadt fahren lassen kann. Yoko Ono will es so. „Ride a Coffin car all over the City“ regte die japanische Künstlerin bereits 1962 an. Natürlich kommt man nicht umhin, bei dieser Wortkombination an Onos berühmten Gatten zu denken, dessen Coffin-Car-Ride mittlerweile auch schon 28 Jahre zurückliegt. Doch wer Yoko Ono bislang als John Lennons Frau oder auch als zersetzende Kraft zwischen den Beatles zu kennen meint, bekommt bei dieser umfassenden Retrospektive in Bielefeld eine Ahnung davon, warum der Musiker sich von der Künstlerin so sehr in den Bann ziehen ließ. Auf den geräumigen Ebenen des Philip-Johnson-Baus – für die Ono-Schau hat die Kunsthalle alle Etagen leer geräumt – begegnet einem eine Kunst voller Energie, die nicht einfach im Museum wartet, sondern den Besucher geradezu anzuspringen scheint und ihn ankickt, einzusteigen und mitzufahren. Die Kunst entsteht hier nicht nur im Auge des Betrachters, sondern in seinem Kopf und unter seinen Händen.
Mit einer goldenen Leiter will sie den Weg in den Himmel ein Stück verkürzen, auf Monitoren gibt es während der Schau eine ständige Liveübertragung des Himmels, so, wie er über Bielefeld gerade aussieht. Ein „Blauer Raum“, der eigentlich gar nicht blau ist, soll den Himmel dagegen nur anhand einiger Wörter und Sätze an der Wand ganz im Kopf entstehen lassen. Die Vorstellung des Himmels. Imagine. Spätestens hier darf man sich ruhig eingestehen, dass man die ganze Zeit diesen Lennon-Song im Kopf hat, dass er einen wie ein Soundtrack durch die Schau begleitet, dass er als Vorstellungs- ein Ausstellungsobjekt ist.
Aber die Ausstellung will, meines Erachtens, auch sagen: Stell dir überhaupt etwas vor, denk mit, lass dich inspirieren! Bereits im Foyer holt einen dazu, zumindestens heute, die Sonne ab. Fasziniert von den Strahlen, die durch ihr Fenster drangen, hat Ono die Sonne greifbar gemacht. Mit hundert weißen Schnüren, die die offene, 14 Meter hohe Treppenarchitektur in einem Strahlenkranz durchziehen. Man wird also auf seinem Weg durch das Museum von der Sonne begleitet, mehr noch: Man geht ihr entgegen. Der Himmel ist zwar hier immer noch die dunkle Kunsthallendecke, an der die Schnüre befestigt sind. Doch sich den Himmel vorzustellen, kann man nirgends besser lernen als in einer Ausstellung von Yoko Ono, ist es doch eines der zentralen Motive ihres Schaffens. Zwischen „Sky“ und „Head“ spielt sich auch in Bielefeld vieles ab. Zu ihren frühen Werken gehört auch das 1961 niedergeschriebene “Cough Piece”, eine Regieanweisung zu stundenlangem Husten, das Ono für die Schau in Bielefeld als Klanginstallation verwirklichte…..
Doch so wolkig und mit Hustenanfällen geht es nicht überall in der aktuellen Ausstellung zu. Wie jedes Best-of ist auch diese Werkschau ein heterogenes Mosaik mit vielen Klassikern. Manchmal geht’s bei aller Imagination richtig körperlich zu. Wie bei Onos 40 Jahre altem Film „Fly“, bei dem eine Fliege in Nahaufnahme einen weiblichen Körper erkundet. Ein begehbares „Family Album“ zeigt Gegenstände wie Schuhe, Spiegel oder eine gedeckte Tafel, in Bronze gegossen und mit Blut befleckt. Die Objekte sollen auf die familiäre Gewalt gegen Frauen hinweisen. Diesen Frauen sind auch drei Sandhügel im ersten Stock gewidmet, die wie spitze Gräber anmuten. Die Erde stammt aus einer Baustelle vor dem Museum. Nun wächst Unkraut aus einem Haufen, man hat überlegt, ob das Teil des Kunstwerks sein darf – und sich dafür entschieden, die Pflanzen auf den Totenhügeln leben zu lassen.
Auf Glasflaschen mit destilliertem Wasser hat Ono Namen geschrieben von Menschen, die sie in ihrer Eigenschaft, körperlich im Wesentlichen aus Wasser zu bestehen, auf eine Stufe (oder hier auf ein Regal) stellt. Max Ernst, David Bowie und Jean-Paul Sartre stehen da. Hitlers Flasche steht neben der des schwarzen Rappers 50 Cent. Jedenfalls in Bielefeld. Aber wie so viele Aktionskunst-Werke Onos ist auch dieses ein bewegliches. Besucher können Vorschläge machen, wer in die Flaschengalerie aufgenommen werden sollte.
Nicht zum Mitmachen ist das große Marmorschachspiel im Foyer. Es wäre auch schwierig: Alle Felder, alle Figuren sind weiß. Freund und Feind sind nicht zu unterscheiden. Alles wirkt so friedlich. Imagine Peace. Wer das hier nicht schafft, fährt zur Strafe eine Runde im Leichenwagen durch Bielefeld ;)

















Mir hat übrigens am besten die Silikonkörper-Streicheleinheit gefallen – allerdings mit Wasser, war schon komisch :)