28. April 2008 von Klassenspiegel (21 Posts)520 mal gelesen
Im Ersten Weltkrieg hielten offizielle Fotos vor allem die Schlachtfelder und Mondlandschaften nach endlosem Grabenkrieg fest. Aber viele Soldaten hatten schon eine Kamera im Marschgepäck. Sie machten Fotos von Kameraden in verschlammten Schützengräben, die unter Beschuss Tote oder Schwerverletzte bargen, oder von Opfern der Gasangriffe. Erst später entstanden Kleinbildkameras wie die Leica und Filme für 36 Aufnahmen, die Bewegung in die Bilder brachten. Mit einer Leica machte Robert Capa 1936 sein berühmtes Foto “The Falling Soldier” im Spanischen Bürgerkrieg; auf Bildern wirkt der Krieg “wie ein Gruppenausflug von lauter würdigen Herren”.
Erfolg im Krieg ist auch immer eine Frage der Wahrnehmung. Die Nato fühlt sich ihren Gegnern bei der Kommunikation unterlegen. Jetzt schlägt das Bündnis mit einem eigenen TV-Kanal zurück: Nato.tv. Und die Zahl der Amerikaner, die glauben, der Vietnamkrieg sei an den heimischen Fernsehbildschirmen verloren worden, ist heute noch ziemlich groß. Unser Entsetzen über ein Bild verpufft, wenn wir es nicht in Handlungen umsetzen.
Kriegsfotografen arbeiten nicht für moralische, sondern für dokumentarische Zwecke. Die Linse der Kamera soll das Auge sein, das die Weltöffentlichkeit vor Ort hat. Von einem Kriegsfoto erwarten wir, dass es schockiert, uns aus dem Sofa schreckt: Sieh hin, was Menschen anderen antun. Deshalb wird immer wieder versucht, Bilder dramatischer zu inszenieren, etwa indem Tote anders arrangiert werden. Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit. Anders wird das mit Nato.tv auch nicht. Solche Bilder gelten als Beleg, dass ein Krieg nicht zuletzt mit Fotos moralisch gewonnen oder verloren wird. Es mag deswegen durchaus an der Zeit sei, dass auch das mächtigste Militärbündnis der Welt Geschmack an Propaganda gewinnt.
Dennoch trifft das Projekt den Nerv der Zeit. Seit Beginn des Balkankrieges Anfang der 1990er-Jahre haben wir uns an einen stetig wachsenden Strom von Kriegsbildern gewöhnt: Kosovokrieg, die neue Intifada, die Attentate der Al-Kaida, Irakkrieg. Es ist gut, wenn jemand all die Fragen bündelt: Was bewirken Kriegsfotos? Welche widersprüchlichen Gefühle lösen Bilder von Toten, Flüchtenden und Verletzten in uns aus? Wann nehmen wir Anteil, wann beginnen wir abzustumpfen? Ein Kanal soll öffentlich zugänglich sein und über das Bündnis berichten, ein anderer soll Journalisten mit Rohmaterial für TV-Beiträge versorgen. Finanziert hat die Nato das mit einer großzügigen Spende der dänischen Regierung. Das Prinzip, das die Nato sich dabei zunutze macht, ist nicht ganz neu. Auch Staaten, Parteien, Unternehmen und das Europaparlament bieten vorgefertigte Filmchen an.
Alternativ: Kriegs-Bilderbuch “Das Leiden anderer betrachten”. Der Bildband entstand aus einer Vorlesung, die Suzan Sontag im Februar 2001 in Oxford hielt. Sie hat nachträglich Gedanken zu den Bildern vom 11. September eingearbeitet. Der Irakkrieg wird mit keinem Wort erwähnt.
Die meisten Fotos, von denen Susan Sontag erzählt, erscheinen beim Lesen sofort vor unserem inneren Auge. Bilder von Überlebenden der Konzentrationslager. Bilder aus dem Vietnamkrieg. Das Massaker von My Lai. Huynh Cong Ut fotografiert 1972 schreiende, halbnackte Kinder, die bei einem Napalm-Angriff aus ihrem Dorf flüchten. Für die Kriegsverbrechen der 90er-Jahre auf dem Balkan steht das Foto der verängstigten Gefangenen hinter dem Stacheldrahtzaun eines serbischen Lagers. Dagegen wirken die Luftbilder von “intelligenten Bomben”, die bei der amerikanischen Operation “Desert Storm” auf irakische Gebäude fielen, kalt und steril: Detonationen, die niemand hört, Einschläge, nur als weiße Wolken zu erkennen, Opfer, die niemand sieht.
Aber wie lange wirkt der Schock beim Betrachter? Hat er ein Verfallsdatum? Wie konnten wir uns gewöhnen an Bilder des Gekreuzigten oder der gemarterten christlichen Heiligen? In der Religion wird ihr Leiden umgeformt für einen Sinn, einen Trost: Diese Menschen, haben wir gelernt, seien gestorben für den Glauben, für die Befreiung (der Seelen), als Mahnung für die Nachwelt. Dennoch: Krieg ist ernster als Kulturförderung. Nato.tv rühmt sich, dem Zuschauer demnächst “echte Fortschritte” vermitteln zu wollen. Der Kanal werde “akkurat, aktuell und engagiert” berichten.
Mal sehen: Die Schlachtengemälde sollten für Hartgesottene möglichst drastisch ausfallen. Der inflationäre Gebrauch des namenlosen Leids ist ansonsten eine sichere Methode, Betrachter gegen Anteilnahme immun zu machen. Werden wir hinsehen – oder wegsehen wie bei Fotos von Tierversuchen?
“Wenn du einen Freund willst, dann kauf dir einen Hund. Da draußen herrscht Grabenkrieg”, dozierte dazu einst Gordon Gekko, der Spekulantenfiesling aus dem Filmklassiker “Wall Street”.













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