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12. November 2009 von kulturstrolch (21 Posts)
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Reisen bietet die Chance, Menschen zu sammeln: Werkzeugmacher, Staatsanwältinnen, Angler, Hebammen, Filmfreaks. Und ganz nebenbei Neues zu erfahren aus Winkeln der Gesellschaft, die weitab liegen von den eigenen: Was gehört in eine gute Zungenwurst? Warum schickt man kriminelle Jugendliche nach Peru? Wo findet ein Bühnenbildner seine Ideen? Und wie lebt es sich eigentlich in Braunschweig?

Der interessanteste Abend ist für mich immer der erste. Wenn die Reisegruppe zusammensitzt und die Teilnehmer sich vorstellen: Aus welcher Ecke, geografisch gesehen? Mit welcher Motivation, hier und heute? Und in welchem Beruf, bitte schön? Der Sonnenbankverwöhnte mit dem Goldkettchen arbeitet also in der Logistik. Das Ehepaar aus Mainz legt einen publikumswirksamen “Ein Herz und eine Seele”-Auftritt hin. Die Rotgelockte zischt ordentlich was weg. Und die Steuerberaterin aus Lemgo in ihren nagelneuen Outdoorklamotten scheint wahrhaftig eine mürrische Fachidiotin zu sein. Das also sind sie: die Frauen und Männer, mit denen man die nächsten drei Wochen seines Lebens genießen darf oder aushalten muss. Zehn menschliche Rätsel, die es nach und nach zu lösen gilt.

Bittersüße, undurchsichtige, aufregende und überflüssige Geschichten lernt man kennen. So viele zerbrochene Lieben, die zu beklagen, Bierdeckelsammlungen, die zu würdigen, Kinderkarrieren, die zu bewundern sind. Am Ende bleiben kaum Fragen offen – von denen, die einen interessieren. Der Briefträger bastelt gern an seiner Isetta. Die Schneiders sind immer noch vernarrt ineinander wie am ersten Tag. Die Steuerberaterin sammelt Orthografien, kennt sieben Arten, Kutteln zu kochen, und lässt ihren behinderten Bruder, um den sie sich kümmert, nur diese zwei Wochen im Jahr allein. Und die schöne Hanna darf weiterhin rätselhaft vor sich hin lächeln.

Dann dazu noch das Private. Wo erst nur ein Umriss war, eine konturlose Oberfläche, entblättert sich im Laufe der Tage Schicht um Schicht. Die Steuerberaterin liebt lateinamerikanische Literatur. Der Goldbekettete ist Briefträger in Oelde und pflückt Ableger für seinen Steingarten. Ehepaar Schneider hat seine Konditorei der Tochter übergeben und gönnt sich jetzt zweite Flitterwochen. Die rote Hanna kommt regelmäßig zu spät, vergöttert ihren iPod und interessiert sich noch erkennbar für sonst irgendetwas.

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Der Beitrag wurde am Donnerstag, den 12. November 2009 um 12:21 Uhr veröffentlicht und wurde unter Reise abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
 
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