21. Dezember 2008 von LelaAnderson (27 Posts)123 mal gelesen
Die Qualität des Fernsehens sei heutzutage miserabel, behaupten gerade viele. Aber wie war das früher? Ich habe hier für mich mal zwanzig Beispiele gefunden, die zeigen, dass es schon damals im Programm einige Merkwürdigkeiten gab.
1. Heute wird auf Importe und Adaptionen geschimpft. “Was bin ich?” wurde aus Amerika eingeführt. Die Spielshow mit Robert Lembke ging 1955 ursprünglich als “Ja oder nein” auf Sendung – und wurde vorgestellt als “ein psychologisches Extemporale mit Robert Lembke und sieben unbekannten Größen”. Das klingt qualitativ vielleicht hochwertig, es war aber nur ein heiteres Beruferaten.
2. “Köche! Und immer wieder Köche!”, meckerte Marcel Reich-Ranicki nach der Fernsehpreisverleihung über die Omnipräsenz von Lafer & Co. Dabei hat das Kochen vor der Kamera eine lange Tradition. Bereits 1953 servierte Clemens Wilmenrod in “Bitte in zehn Minuten zu Tisch” telegen Menüs. Auf dem Rezeptzettel des ersten Gerichts stand “Mischgemüse aus der Dose” – wie fein.
3. Die “Sportschau” im Ersten war 1961 zum ersten Mal zu sehen – über Fußball wurde anfangs nicht berichtet.
4. Eines der ersten Ratgeber- und Boulevardmagazine der Öffentlich-Rechtlichen heißt nicht “Brisant”, sondern “Die Drehscheibe” (1964, ZDF).
5. Dass Hochzeitsshows wie die “Traumhochzeit” (2008, ZDF) floppen, hätte man wissen können: “Das ideale Brautpaar” ging 1959 auf Sendung. Der Moderator Jacques Königstein rettete schon damals nichts. Obwohl er Karnevalist war. “Ihre Vermählung geben bekannt” war 1963 im ZDF zu sehen. Wieder eine Hochzeitsshow, wieder ein Flop. Erneut war der Moderator machtlos, obwohl er Hans-Joachim Kulenkampff hieß.
6. Aus lauter Verzweiflung, oder weil man 1977 auch nicht wusste, was der Zuschauer eigentlich sehen will, wurde die ARD-Sendung “Wie hätten Sie’s denn gern?” ins Leben gerufen. Das Konzept: die Menschen vor den Bildschirmen durften Anregungen zum Fernsehprogramm geben, die dann in der Sendung mit Hans-Joachim Kulenkampff umgesetzt wurden. Und weil die Zuschauer selbst nicht wussten, was sie sehen wollten, lief diese Sendung viermal.
7. Teure Pannen sind nichts Neues. Eine der legendärsten: Kulenkampff überzog mit “Einer wird gewinnen” immer die Sendezeit. Nur einmal war er sechs Minuten früher fertig, und die ARD zeigte sechs Minuten lang das Senderlogo als Standbild.
8. Skandal! Sarah Connor tritt im durchsichtigen Outfit bei “Wetten, dass..?” auf! Skandal! Im RTL-Dschungelcamp wird ein Auto plus Insasse im Wasser versenkt! Alles olle Kamellen: 1970 trat in der ZDF-Spielshow “Wünsch dir was” mit Dietmar Schönherr eine 18-jährige Kandidatin in einer durchsichtigen Bluse auf, drunter trug sie nichts. Bei einem Spiel wurde eine Kandidatin im Auto in einem Wasserbecken versenkt. Sie konnte die Tür nicht öffnen und musste von Tauchern gerettet werden.
9. Heutzutage gibt es für Klamauk wie “Dr. Psycho” den Grimmepreis? Den gab es 1975 für “Klimbim”.
10. Heute wird schamlos im Fernsehen geplaudert? In der Sendung “Auf los geht’s los”, die von 1977 an in der ARD ausgestrahlt wurde, sollten die Kandidaten tippen, wie viele aus dem Publikum schon ins Schwimmbecken gepinkelt hatten. Weil auch der Moderator auskunftsfreudig war, weiß man heute etwas, was man gar nicht wissen will: Joachim Fuchsberger war einer von ihnen.
11. Selbst eine Art Dieter Bohlen und “Deutschland sucht den Superstar” gab es: Peter Frankenfeld war mit mehreren Talentshows im Fernsehen vertreten. Die eine hieß, wie man heute sagen würde, “TTT” (“Toi Toi Toi – Der erste Schritt ins Rampenlicht des Fernsehens”, 1954), die andere “WWDK” (“Wer will, der kann – Die große Talentprobe für jedermann”, 1964). In “TTT” trat 1959 Carl-Dieter Heckscher auf. Der Mann geriet in Vergessenheit. Dort blieb er aber nicht. Von 1969 an moderierte er als Dieter Thomas Heck die ZDF-”Hitparade”.
12. Der Moderator Hugo Egon Balder träumte in diesem Jahr von einer Saufshow mit dem Titel “Der Klügere kippt nach”. Er meinte es tatsächlich als Witz. Deliriershows wie “Die fröhliche Weinrunde” (ARD, 1964), “Der internationale Frühschoppen (ARD, 1953) oder “Zum Blauen Bock (ARD, 1957) waren ernst gemeint.
13. “Akte X”, “Lost” und sonstige Verschwörungstheorie-Sendungen sind Ausgeburten der Neuzeit? Den Begriff “Mystery” gab es früher nicht, aber Serienhandlungen wie diese, die 1969 erstmals in Deutschland zu sehen war: Der frühere Geheimagent “Nummer 6″, nach dem die Serie benannt ist, versucht herauszubekommen, wer die geheimnisvolle “Nummer 1″ ist. Am Ende enttarnt er “Nummer 1″: Es ist “Nummer 6″.
14. Heute wird die Qualität des Fernsehens öffentlich diskutiert. Früher gab es Wichtigeres: 1978 musste die Show “Die Montagsmaler” auf den Dienstag umziehen. Nach einer langen Diskussion, die öffentlich ausgetragen wurde, wie die Sendung dann heißen sollte, hatte man sich schließlich geeinigt: Auf “Die Montagsmaler”.
15. 1955 erschien im “Spiegel” ein Artikel zur Schleichwerbung im Fernsehen.
16. Kinder lernten damals nicht mehr im Fernsehen als heute. Ein Merksatz aus den siebziger Jahren: “Der Hahn legt keine Eier” (“Neues aus Uhlenbusch”, ZDF).
17. Thomas Gottschalk, der für seine oft taktlosen Sprüche bekannt ist, war früher nicht besser. Vor mehr als zwanzig Jahren sagte er in der ZDF-Show “Na sowas” zu einer Rentnerin, die leicht bekleidet Akrobatik vollführte: “Passen Sie auf, in Ihrem Alter erkältet man sich schnell die Eierstöcke.”
18. Früher hätte es politische Unkorrektheiten, wie sie bei “Schmidt & Pocher” vom Stapel gelassen werden, nicht gegeben? Vor mehr als zwanzig Jahren forderte Dieter Hildebrandt nach der Tschernobyl-Katastrophe im “Scheibenwischer”, den Papst zu dekontaminieren. Der Bayerische Rundfunk blendete sich aus der Sendung mit dem Untertitel “Der verstrahlte Großvater” aus.
19. Der ARD-Moderator Jörg Pilawa sagte 2008: “Wenn ich heute in eine tägliche Talkshow schaue, sehe ich ins Zahnlose. Da sitzen nur noch die ,Schlampen’ und ,Sozialschmarotzer’. Solche Sendungen haben wir früher nicht gemacht! Das hätten uns die Landesmedienanstalten sofort verboten! Wir waren deutlich harmloser.” Früher war alles besser? Vor zehn Jahren moderierte Pilawa eine Talkshow bei Sat 1. Die Titel der Sendungen damals: “Lasst mich in Ruhe – Ich will nicht arbeiten”, “Wer heutzutage noch arbeitet, ist zu dumm, Sozi zu kassieren” oder auch “Mein Busen ist mein ganzer Stolz”.
20. Vor zehn Jahren war nicht einmal die Stimmung bei Sabine Christiansen besser. Die Themen lauteten: “Schule, Uni, arbeitslos – Versagt unser Bildungssystem?” und “Armes Deutschland”.













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