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10. Oktober 2008 von decuir (43 Posts)
156 mal gelesen

(Ø 3,93)15 Stimme(n)

Ich habe noch nie 1,10 Euro dafür gezahlt, eine Toilette zu benutzen. 1,10 EUR das sind umgerechnet 2 D-Mark in echtem Geld! Entsprechend erwartungsvoll bin ich, als ich im Hauptbahnhof von Mannheim McClean betrete, eines dieser aktuellen Entsorgungsversprechen, die in das moderne Bahnhofsambiente eingebettet sind, als würde man eine Wasserlounge betreten. Daran, dass ich so viel Geld ausgeben muss, ist natürlich die Bahn schuld. Weil der Zug bereits bei der Abfahrt am Startort eine halbe Stunde Verspätung hatte – vor dem Losfahren schon zu spät sein, so was bekommt auch nur die Bahn hin. Jetzt ist der Anschlusszug weg, und ich muss zu McClean.

Ähnlich wie im Fitnesscenter gibt es einen kleinen Tresen in der Mitte des Eingangsraums. Eine Frau im weißen Kittel steht dahinter. Sie scheint für die Betreuung der reichen Toilettengänger abgestellt. Doch statt mit salbungsvollem Lächeln der Luxusklientel das Gefühl zu geben, gut aufgehoben zu sein, lässt sie ein Din A4-Blatt bellen: „Geldwechsel nur am Automaten!“

Nachdem ich mir über mein Geschlecht und die Kloordnung klar geworden bin, werfe ich meine 1,10 EUR in den Automaten links des Tresens und schiebe mich und meine Tasche durchs Drehkreuz. Wenn ich eine Summe zahlen muss, die mir etwas überzogen scheint, tröstet mich (hoffentlich) ein hochwertiger Gegenwert. Wenigstens, denke ich nur, komme ich in eine dieser vollautomatischen Keimfreikabinen, die sich nach jeder Benutzung quasi grunderneuern und die Anwesenheit der Vorgängerin mittels ätzender Desinfektionsmittel Vergangenheit sein lassen. Duschen kann man bei McClean auch. Das ist vielleicht im Preis mit drin, denke ich. Das tut ja eh keiner. Deshalb bieten die das auch an, so wie das Händewaschen bei 1,10 EUR ja wohl auch inklusive sein wird. Das stimmt mich wieder versöhnlich, und ich betrete meine Keimfreikabine.

Denkste. Für 1,10 EUR gibt es hier weder eine automatische Reinigung noch einen Sagrotan-Spender noch eine Papierauflage. Es gibt nicht mal Klopapier. Stattdessen liegt in der Sanitärbeutelablage ein zum Abschminken benutztes Wattestäbchen. Der Nachschubwagen steht vor den Toiletten auf dem Gang herum.

Fürs Händewaschen sind drei Waschbecken vorgesehen. Der Druckknopf des einen ist vor geraumer Zeit mit viel Seife an den Händen angefasst worden. Die angetrocknete Schmiere hat sich in ein graues Muster verwandelt. Die Metalloberfläche des Papiertucheinwurfs wird ebenfalls selten gereinigt. Ich habe 1,10 EUR gezahlt. Ich möchte umgehend einen Gegenwert.

Ich gehe zu der Frau im Kittel und sage, dass ich mich beschweren möchte. Sie blickt mich an und wendet sich einer Dame zu, die mit dem Automaten nicht klarkommt. Dann geht sie den Toilettengang runter und verschwindet in einer der Kabinen. Ich rufe, dass ich mich gerne beschweren möchte und es schön fände, wenn sie wiederkäme. Aber sie bleibt weg. Wahrscheinlich tut sie so, als improvisiere sie einen Gegenwert. Beim Hinausgehen fällt mein Blick auf die Preistafel. Duschen kostet in diesem Drecksladen 7 EUR.

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Der Beitrag wurde am Freitag, den 10. Oktober 2008 um 16:03 Uhr veröffentlicht und wurde unter Reise abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
 
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