6. Juli 2008 von RAUCHFREI (20 Posts)78 mal gelesen
Früher war nicht alles besser. Früher puderte man verlaustes Haar, kannte kein Deo, Persil war nicht erfunden, und dreckige Wäsche schrubbten lustlos die Sklaven. Ebenfalls früher, nur etwas später, mussten wir Kinder sonntags mit Oma und Opa spazieren gehen. Ententeich, wahlweise Minden am Kanal. Im Sonntagsstaat. Das war nicht gut und schon gar nicht besser. Sonntagsstaat definierte sich nämlich immer, wenn es mit ihr an den Teich oder Kanal ging, über das Kreativpotenzial meiner in der Häkelwelt heimischen Großmutter. An allen anderen Sonntagen liefen die “guten Sachen” wenigstens vom Nähmaschinenband meiner Mutter. Damit lagen wir modisch gerade mal so weit vorn, wie es die Schnittmuster der “Burda” erlaubten.
Heute ist der Sonntagsstaat eine aussterbende Garderobe-Gattung. Nur in einigen Seniorenstiften ist ihm noch eine Nische eingeräumt worden, aus der er sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht weiter fortpflanzen sollte. Ich zum Beispiel fragte mich am letzten Sonntagmorgen beim Zähneputzen, ob meine überweite Armeehose und die strassbesetzten Pantoffeln wohl zu allen drei Sonntagsterminen passen würden. Fürs Obendrum fiel meine Wahl auf einen bräunungsfreundlichen Neckholder in Babyblau und Braun, eine Verbeugung vor dem neuen subtropischen Klima Nordeuropas. Insgesamt ein Ensemble mit eindeutiger, stilvoller Freizeit-Aussage.
Eine Aussage, das ich trotzdem oft genug allein setze. Dabei liegen ähnliche Kleidungsstücke bei fast jedem zu Haus, und im Markt für Freizeitbekleidung geht es zu wie im Pilzwald bei Nebel. Jeden Sonntag reißen Tausende wochentags in Business-Uniformen eingesperrte Menschen Schranktüren auf, hinter denen Workpants und Khakis warten, Polos, Sneaker, Seglerschuhe, Anoraks. Dann schließen sie die Türen wieder. Kleinen Herzens. Die Träume von Freizeit als Freiheit, von Dschungel-Nächten, Hochsee-Exkursen, Nepal-Trekking, bleiben ungeträumt. “Gute Sachen” einfordernd, kündigt sich für “Dracula, das Musical” Frau Schwiegermutter an, ordert Tante Hilde den Clan ins Ausflugslokal, oder das Führungskräfteseminar Synergieprozesse steht an. Wehmütig streichelt der Mensch den bequemen Stoff seiner Freizeit-Freunde und ist, wenn er sie schon nicht anziehen kann, so doch froh, Verbündete in ihnen zu haben. Wenn er nicht raus darf zum Spielen, dürfen sie es auch nicht.













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