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21. April 2008 von blauaeugig (32 Posts)
431 mal gelesen

(Ø 4,00)8 Stimme(n)

Wo befinden wir uns, wenn der Human Resources Manger den City Call auf seinem Handy beendet und den Service Point anstrebt? Na klar: in Deutschland natürlich. Gibt es noch ein paar lover für die deutsche Sprache? Rund 60 Prozent der Deutschen können gar kein English. Underdog – ist das nicht der Unterrock? Jede Hexenjagd auf Anglizismen wäre weltfremd. Kein Wort ist deshalb schlecht, weil es aus einer anderen Sprache stammt. Großenteils wird damit allerdings, mutwillig oder mit bedingtem Vorsatz, die Ausschließung, ja die Einschüchterung der Nichteingeweihten betrieben, ähnlich wie bei der lateinisch-griechischen Fachsprache der Ärzte. Weint nicht die Unesco alljährlich jenen Sprachen nach, die unter dem Anprall der Weltsprachen ihren Geist aufgeben?

Die deutsche Endung n ist allein schon imstande, Aus- und Inländer zum Stöhnen zu bringen: english nice children, the nice children, to the nice children – deutsche nette Kinder, die netten Kinder, den netten Kindern. Und mit genau vier Buchstaben teilte Hillary Clinton im Januar den Amerikanern mit, dass sie sich um die Präsidentschaftskandidatur bewerbe: I´m in.

Der große Argentinier Jogre Lius Borges lernte Deutsch, um Schopenhauer im Original zu lesen, und schrieb im Alter eine „Ode an die deutsche Sprache“:

Die spanische Sprache war mein Schicksal,
Dich aber, süße Sprache Deutschlands,
Dich habe ich erwählt und gesucht.
In Nachtwachen und mit Grammatiken.
Aus dem Dschungel der Deklinationen,
das Wörterbuch zur Hand.
Heine gab mir seine Nachtigallenpracht,
Goethe die Schickung einer späten Liebe,
gelassen sowohl wie bereichernd.
Du, Sprache Deutschlands, bist Dein Hauptwerk.
Die verschränkte Liebe der Wortverbindungen,
die offenen Vokale, die Klänge,
angemessen dem griechischen Hexameter,
und Deine Wald- und Nachtgeräusche.
Dich besaß ich einmal.
Heute, am Saum der müden Jahre
gewahre ich Dich in der Ferne.
Unscharf wie die Algebra und den Mond!

Wie wäre es also, wenn wir uns aufrafften abzuwägen, zu unterscheiden zwischen schönen, praktischen Importen, vor allem den knackigen Einsilbern wie Job, Start, Team, Sex – und solchen, die ein pseudo-kosmopolitsiches Imponiergefasel sind? Geniestreiche der Übersetzungskunst finden sich selbst im Computerjargon: „Maus“ schreiben wir, obwohl es mouse heißen könnte; und sogar für „Das Walking ist des Müllers Lust“ gibt es einen Übersetzungsvorschlag. Warum haben wir Deutsche uns der amerikanischen Invasion so viel bereitwilliger geöffnet als Franzosen, Spanier, Italiener?

Wer zu oft mit Popcorn und Vanilla Fudge gefüttert worden ist, bekommt schließlich Appetit auf Vollkornbrot. Write German! Nothing beats it. Und die deutschen Zusammensetzungen sind einfach praktisch: „Machtwort“ statt im Französischen Parole energique, „Tierschutzverein“ statt auf Englisch society for prevention of cruelty to animals, „Geisterfahrer“ statt auf Spanisch conductor que circula en sentido contrario. Wir haben eine der wunderbarsten, schönsten, gebildesten Sprachen der Welt und wir machen keinen Gebrauch davon. Das ist eine Ressourcenverschwendung, die sich keine andere Kultur leisten kann.

Für einen erfolgreichen Namensimport ist das klassische Beispiel jenes robuste Fahrrad mit vielen Gängen und dicken Stollenreifen, mit dem man quer durchs Gelände und auf Bergpfaden fahren kann: Als Mountain Bike wurde es übernommen – „Bergrad“ hätte es heißen können. Wie am anderen Ende der Skala mit der Wellness und dem Anti-Aging. Der amerikanische Katastrophenfilm „The Day after tomorrow“ belästigt uns mit sieben Silben, obwohl er, identisch, „Übermorgen“ hätte heißen können.

Ein geiles Iwent: Törnaround, Bissiness, Ventschakäppitl.
What we us wish? Good luck natürlich. The werkzeug: good German.

Selbst Hardware und Software, die Eckpfeiler der Computersprache, sollte man mit Fragezeichen versehen: es handelt sich, sehr einfach, um Geräte und Programme. Das ist noch gar nichts gegen soft. Das heißt nicht einfach „weich“, sondern ebenso: sanft, lieblich, zärtlich, nachgiebig, mitfühlend, weinerlich, liebedienerisch, auch butterweich, verweichlicht, schlapp, beschränkt, vertrottelt. Der softhead ist ein Narr, soft roll ein Mädchen, das leicht zu haben ist, soft soap die Schmierseife, aber auch Schmeichelei und der Softie ein Schwächlich, Waschlappen, Weichei, Einfallspinsel. Was wird also nicht wieder alles geupdated werden, wozu wir uns committen? Boah-ej, knackscharf!

In Bahnhöfen und Flughäfen ist Deutsch mittlerweile Randsprache geworden. Die Deutsche Bahn hat ihren Mind ge-opened: da erfand sie Intercity – im Englischen nicht vorgesehen. Wir können schlecht von Zuwanderern erwarten, dass sie Deutsch lernen, wenn sie auf Bahnhöfen am „Service Point“ über „Surf & Travel-Kurztrips“ informiert werden. Eine „Zurückbuchstabieren“ wäre hier hilfreich. Frage ist, ob wir stattdessen Globish sprechen sollten? Das Problem der Deutschen in der EU sind die Deutschen, die kein deutsch reden!

Wir sprechen beflissen Englisch, statt uns wortreich und damit gedankenreich in der vertrauten Muttersprache darzustellen. Es ist ja immer noch die Sprache des Exportweltmeisters, die da verbreitet wird, der weltbesten Auto- und Maschinenbauer, der Ingenieure und der Facharbeiter, des Landes mit der höchsten Theater-, Opern-, Konzert- und Museumsdichte der Welt, des zweitgrößsten Büchermarkts auf Erde….

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Der Beitrag wurde am Montag, den 21. April 2008 um 16:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter Buntes abgelegt. du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
 

klasse :) habs mit amüsement gelesen!

… oder wie unser Alt-Bundes-Präsi. zu sagen pflegte: “Equal goes it loose!” siehe dazu auch hier: http://www.akrue.privat.t-online.de/luebke.htm ;;)

 
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