20. April 2008 von APOSTROPHES (11 Posts)94 mal gelesen
Auch im Web werden nun Klingeltöne zeitgenössischer Komponisten angeboten, darunter so renommierte Künstler wie Heiner Goebbels, Bernhard Lang und Olga Neuwirth. Hinter „Ears ahead“ steckt kein schwächelnder Großkonzern, der händeringend nach einem avantgardistischen Absatzmarkt im Klassiksegment suchte, sondern eine findige Künstleragentur aus Wien, die angesichts der akustischen Realität in U- und Straßenbahnen unseren klanglichen Alltag zumindest „etwas ästhetischer gestalten“ möchte. In Zeiten sinkender Umsätze mit dem Kulturgut Schallplatte, entdeckt die einst so stolzen Branche im Vertrieb von Soundschnipseln eine neue Absatzmöglichkeit. Auch Herbert von Karajan und selbst Enrico Caruso zu ihrer Zeit schon begnadete Vermarkter in eigener Sache. Die akustische Umweltverschmutzung ist mobil geworden. Die Überalterung des Publikums, der überschwemmte Tonträgermarkt und die steigende Relevanz des Onlinegeschäfts zwingen auch die Klassikabteilungen der Labels dazu, sich mit der Digitalisierung von Musik auseinanderzusetzen.
Dabei betrifft eines der großen Branchenprobleme – nämlich der illegale Download und damit auch die ideelle Entwertung von Musik – noch nicht einmal den Klassik-, sondern vor allem den Pop- und Rockbereich. Grund: mehr als sechzig Prozent der Klassikkäufer sind über sechzig Jahre alt… Doch auf den legalen Onlinevertrieb ihrer Produkte kann auch die Klassikbranche nicht mehr verzichten. Seit der Computerhersteller Apple seine Internet-Handelsplattform iTunes eröffnete, auf der erstmals alle Rechteinhaber ihre Produkte anbieten wollten, verkaufte er darüber mehr als drei Millionen täglich. Tendenz steigend.
Nicht nur zum Vorteil der Klassik. Denn erstmals in der Geschichte der Musik brachte eine technische Neuerung keine klangliche Qualitätssteigerung mit sich, sondern im Gegenteil einen Verlust an Information. Bedingt durch die für die Übertragung notwendige Datenreduktion, werden in den MP-Formaten ganze Frequenzbereiche ausgeblendet. Durchschnittliche Pophörer scheint das kaum zu stören, zumal der Verlust durch die sogenannte Kompression kompensiert wird, eine Pegelanhebung leiser Passagen und eine Pegelsenkung lauter Stellen.
Die Bitrate, also die Datenmenge zu einer Zeiteinheit, wird für immer mehr Klassiktitel von 128 auf 256 und teilweise sogar auf 320 Kilobit pro Sekunde angehoben. Damit erreicht virtuell vertriebene Musik beinahe schon den Informationsgehalt der CD – und wird erstmals auch für die audiophilen Klassikhörer interessant. Das Geschäft im Netz kann wachsen, und so bieten große Klassiklabels wie die Deutsche Grammophon und die britische EMI seit kurzem ihre Musik auch auf den eigenen Internetseiten an; aber auch über neue Spezialseiten, die zum Teil sogar exklusives Material anbieten können. Audiodatei aber lassen sie sich so ohne großen Aufwand ins Netz stellen, samt Cover, Begleittexten und Libretti im PDF-Format.
So steht einem attraktiven Onlineangebot der E-Musik nur noch ein logistisches Problem im Wege: Im Internet wird Musik selten nach dem ganzen Album, sondern vorwiegend nach Track gehandelt – im Pop also nach dem Song und in der Klassik nach dem einzelnen Satz. Beim Versuch allerdings, etwa eine Beethoven-Sinfonie in ihrer viersätzigen Gesamtheit per Download zu erwerben, führt diese Organisationsform der meisten Anbieterseiten noch zu einiger Verzweiflung.













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