27. Januar 2008 von Duessel-Moewe (11 Posts)240 mal gelesen
Freud und Leid liegen derzeit auf dem Arbeitsmarkt eng beieinander. Die gegensätzlichen Nachrichten kennzeichnen die moderne Arbeitswelt. Da sind zum einen die Firmen, die an den Standort gebunden sind und auf der anderen Seite stehen die sogenannten Global Player, meist börsenorientierte Konzerne im Industriesektor. Der Erfolg ihrer Vorstände wird am Gewinn gemessen; insofern darf es nicht verwundern, wenn es Top-Manager wie bei Nokia nur noch um die Profitmaximierung geht. Und der Profit ist dort am größten, wo die Fertigung am billigsten ist. Der oft beschworene Know-how-Vorteil des Standortes Deutschland fällt angesichts standardisierter Fertigungsprozesse kaum noch ins Gewicht. Das muss jedem klar sein, der Unternehmen mit Subventionen binden will: Sie entfalten ihre Wirkung für den Moment, nicht auf Dauer. Genau wie die Förderungen in den Neuen Bundesländern….
Nokia in Bochum ist dafür ein vergleichsweise harmloses Beispiel. In der gern vorgezeigten sächsischen Chipindustrie stehen ganz andere Beiträge auf dem Spiel. Und auch die niedersächsische Landesregierung sollte sich an Bochum erinnern, wenn sie die bedrohten Airbus-Werke mit Steuergeldern aufpeppt. Als Mobilfunkkunden suchen wir akribisch den günstigsten Tarif und lassen uns das Handy für einen Euro drauflegen – um uns als Bürger zu empören, wenn der Hersteller jeden Cent aus der Fertigung herausquetscht.
Besser und sinnvoller angelegt wäre dies alles zum Beispiel durch Qualifizierung des lokalen Personals. Eine langfristige Standortgarantie gibt es jedoch für Fördermittel auf keinen Fall. Deshalb wäre es fatal, sich in einem vorübergehenden Aufschwung dauerhafte Lasten aufzuladen – durch höhere Staatsausgaben, zum Beispiel, oder durch überhöhte Tarifabschlüsse. Die Konjunktur mag laufen, wie sie will, der Strukturwandel geht weiter. Gute Zeiten machen es nur leichter, ihn zu organisieren. „Wer würde 25 Prozent mehr für einen VW-Golf ausgeben als heute, wenn im Gegenzug alle Teile aus Deutschland kommen?“ Die Antwort: fast niemand. Denn auf die finanziellen Vorzüge der Globalisierung möchten letztlich die wenigsten verzichten. Das ist ökonomsich verständlich – und gleicht dem Verhalten Nokias.
Die Finnen können nicht anders. Die Verbraucher in allen Teilen der Welt, der Kapitalmarkt und die Eigentümer verlangen es. Das Werk in Bochum fertigt sechs Prozent aller Nokia-Handys, verursacht aber 23 Prozent der Lohnkosten. Dieses Ungleichgewicht kann sich ein Unternehmen kurzfristig erlauben, langfristig ist es tödlich. Wie Bewegungslosigkeit oder Kettenrauchen.
Rauchen ist ein Laster, Alkohol sowieso. Wer Fast Food liebt, wird ermahnt, auf seine Ernährung zu achten. Sportlern begegnen wir mit Respekt, Fitness ist erstrebenswert. Beständig raten uns die Mediziner: mehr Bewegung, weniger Sofa! Für Firmen gilt das nicht! Zumindest nicht in Deutschland. Gesunde Unternehmen, die auch künftig gesund bleiben möchten, gelten als verdächtig. Nokia ist profitabel, weil das Management beständig nach Wegen sucht, Kosten zu begrenzen, und vor harten Konsequenzen nicht zurückschreckt – Werksumzüge inklusive. Kein Wettbewerber fertigt so effizient. Nokia ist der einzige Hersteller, der in den wachstumsstarken Schwellenländern Handys für 30 Euro profitabel verkaufen kann. Allein in Indien ist der Marktanteil der Finnen inzwischen auf 50 Prozent geklettert. Dem Rivalen Motorola fehlte zuletzt der eiserne Wille, seine Kosten zu begrenzen und die Fertigung unablässig zu verschlanken. In Südostasien oder Afrika bekommen sie daher keinen Fuß in den Markt. Das Grundprinzip der Gewerkschaften: Die Kunden zahlen weniger, die Mitarbeiter verdienen mehr. Weder die Supermarktkette Coop, der Wohnungsbaukonzern Neue Heimat noch die Bank für Gemeinwirtschaft haben das überstanden. Das Streben nach Rendite ist kein Selbstzweck, sondern in Deutschland überlebenswichtig. Nokia hat einen Rekordgewinn erzielt und wird einen Großteil davon an seine Eigentümer ausschütten. Wer aber hat den Beschäftigten verboten, Aktionär zu werden, um ebenfalls davon zu profitieren? Standorttreue Firmen im Mittelstand geben mehr Sicherheit, aber Garantien gibt es auch dort nicht mehr.
Bei Rüttgers hingegen lohnt sich nicht einmal das Hinhören. Sein Gerede von der „Subventionsheuschrecke“ weist ihn als Bewohner wirtschaftsferner Welten aus. Hat er wirklich geglaubt, eine Finanzspritze in den neunziger Jahren mache Bochum auf ewig zum Zentrum der Handyproduktion? Zur Erinnerung: Das war die Zeit, als man mit Handys nur telefonieren konnte – Mobilfunk-Mittelalter, sozusagen. Seitdem hat sich in diesem Geschäft fast alles verändert. Das sind keine Nachrichten, die die Konsumenten zum Geldausgeben in die Läden treiben – aber genau darauf haben die Konjunkturexperten für dieses Jahr gehofft. So werden in Deutschland die Wachstumsprognosen zusammengestrichen. Die Sorge wächst, dass es auch hierzulande bald wieder abwärts gehen wird. Karmann kämpft mit einer existentiellen Krise; die Fusion von Continental und VDO wird Arbeitsplätze kosten; die schlingernde TUI hofft in Hamburg am Finanzhilfe. Derweil zieht auch die Krise an den Finanzmärkten ihre Kreise. Manchmal scheint es, als sei die Verteilung des übriggebliebenden Reichtums das letzte verbliebene Problem dieses Landes. Wenn der Job schon weg ist, sollen alle wenigstens zu bestmöglichen Bedingungen zu Hause bleiben können, und nach aller Erfahrung ist öffentliche Empörung dabei hilfreich. Die Politiker, die jetzt so demonstrativ ihr Nokia in den Müll werfen, werden in ein paar Tagen „Made in Taiwan“ oder „Made in South Korea“ kaufen….
Es kann nicht darum gehen, Veränderungen zu blockieren. Sie werden unser Alltag bleiben. Die Suppe wird in Deutschland der Mittelstand auslöffeln, der seinen Belegschaften demnächst schwierige Entscheidungen erklären muss. Die Bereitschaft zum Zuhören ist leider – trotz Nokia – nicht gestiegen.













Bei den deutlichen Gewinnsteiergungen bei Nokia ist sicherlich davon auszugehen, dass sich die Vorstände gehörige Zuschläge zu ihrem guten Gehalt genhemigen werden. Oder glauben diese Herren tatsächlich, dass Erfolge ausschließ0lich aufgrund ihrer Anwesenheit erzielt wurden?
Und diese Menschen in Bochum, die einen guten Teil des Nokia Erfolges mit erarbeitet haben, bekommen nun eine laue Entschuldigung rsp. ein blödes Angebot zum Umzug vom Vorstand.
Ich bin dankbar, kein Aktieninhaber zu sein, denn ich glaube, meine Schuldgefühle würden mir den Schlaf rauben.
Harald, Marienfeld
Man kann über Subventionen unterschiedlicher Meinung sein, sicher. Aber was würde sein, hätten wir im Ruhrgebiet oder auch in Ost-Deutschland keine Subventionszahlungen geleistet? Als “Anschubfinanzierung” für Regionen im Strukturwandel, vielleicht auch bei einer Strukturkrise sind sie doch wahrscheinlich unverzichtbar. Trotz aller Bedenken, die man ins Feld führen kann.
Wenn es zutrifft, dass es Hinweise gibt, dass die festgeschriebene Anzahl von Arbeitsplätzen nicht erreicht und Berichtspflichten nicht erfüllt worden sind und “die Daten signalisieren, dass die Beschäftigungszusagen bereits zwischen 1998 und 2003 nicht eingehalten worden sind”, dann muss man sich doch fragen, warum dies erst jetzt, also nach über fünf Jahren, geprüft wird und warum es hierzu eines äußeren Anlasses bedurfte.
per Mail, Bad Oeynhausen
Es ist einzog die freie Entscheidung eines Unternehmens, wo es ansässig ist oder wo es produziert! Es ist die freie Entschediung der deutschen Regierung, gezahlte Subventionen zurückzufordern! Es ist die freie Entscheidung der deutschen Regierung, in Zukunft auf alle Produkte der/des Unternehmens (z.B. Nokia) 100 Prozent Einfuhrzuschalg zu erheben. Es ist auch die frei Entscheidung aller deutschen Bürger, beim Kauf neuer Geräte alle Nokia-Produkte zu 100 Prozent zu boykottieren.
Vor 19 Jahren – irgenwann 1989, zeitgleich mit dem Fall des Kommunismus – feierten die Bewohner der Stadt Bochum und die Politiker die Verlagerung eines Nokia-Werkes aus Finnland ohne eine Träne für die arbeitslosen Finnen zu verdrücken. Heute packt Nokia seine Koffer für Rumänien, und plötzlich offenbaren sich den Deustchen die negativen Effekte des “karawanen-Kapitalismus” und die Gier der “kapitalistischen Heuschrecken”.
Haben die Deustcehn schon einmal daran gedacht, dass Reanult eines Tages sein Werk in Mioveni schließen könnte? Das ist der Unterschied der Rümnainen den Deustchen gegenüber! Rumänien wird aus den deutschen Erfahrungen lernen.
Je schneller sich Rumänien entwickelt, desto früher wird nämlich Nokia nach Osten – Moldavien, Ukraine, Weissrussland – weiterziehen.
Ich lese: “Der finnische Handykonzern Nokia hat einen deutschen Zeitungsbericht über ein Angebot an seine Bochuzmer Mitarbeiter für einen Umzug nach Rumänien dementiert”.
Aus meiner Sicht ein weiterer Imgaeschaden für das Unternehmen….
Tabea69, Rietberg
Jürgen Rüttgers saß nicht mit im Publikum. Dabei glaube ich, hätte er mit mir und all den anderen etwas lernen können – im Essener Grillo-Theater. Nämlich, dass noch nicht einmal Gott dem Kapitalismus Fesseln anlegen kann, also erst recht nicht die NRW-Wirtschaftspolitik.
In Bertolt Brechts “Die heilige Johanna der Schlachthöfe”, war dauernd die Rede davon, was es bedeutet, wenn zig Tausende vor geschlossenen Werktoren stehen, weil Unternehmensleitungen beschlossen haben, dass die Profite steigen müssen.
Man braucht nur den Fleischhandel durchs Mobiltelefongeschäft zu ersetzen.
Rüttgers : bitte mal anschauen :D
Matthias aus Bornholte
Rumänien ist das korrupteste Land in Osteuropa. Man kann sagen: Je weiter nach Osten oder Südosten man geht, desto größer wird das Problem. Die Weltbank hat ausgerechnet, dass die Unternehmen dort durchschnittlich 1,1 Prozent ihres Jahresumsatzes für Bestechnung ausgeben.
Bei der Korruption geht der Trend weg vom Schmieren des kleinen Beamten vor Ort und hin zur Bestechung im großen Stil etwa durch das Finanzieren von ploitischen Parteien.
Wieviel und an wen wohl Nokia und seine Zulieferer zahlen?